Sozialwissenschaftliches Gymnasium

und Kunstgymnasium

Bruneck

Beiträge aus der Schreibwerkstatt

Aus der Schreibwerkstatt

Schreiben

11.06.2021

Lea Marie Steinwandter

Ich falle in ein tiefes Loch. Es ist ein buntes Loch, die Wände sind bekritzelt mit psychedelischen Formen und Farben. Durch das schnelle Fallen fühle ich mich wie benebelt; ein schönes und zugleich komisches Gefühl. Es ist ein ständiger Wechsel aus Angst und Freude. Fast so wie im echten Leben… Plötzlich verlangsamt sich mein Fall. Meine Füße berühren plötzlich einen weichen Untergrund. Sind das Grashalme, die mich kitzeln? Oder doch vielleicht tausend Spinnenbeine? Bei diesem Gedanken läuft mir ein Schauer über den Rücken. Ich versuche nach unten zu sehen, um den Untergrund zu erkennen…

 

Ein erfundener Traum (Anna Knapp)

Ich bin in einem verlassenen Haus. Es ist dunkel. Nur eine Kerze brennt. Ihr heller Schein malt fremde Schatten an die Wände. Ein Geräusch. Ist da noch jemand? Die Angst ergreift mich, sofort schaue ich mich um. Niemand. Da ist es schon wieder. Nochmals blicke ich durch das Zimmer. Nichts zu erkennen. Beruhigt schließe ich meine Augen.

Sobald ich aufwache, ist alles weg. Nur ein Traum, wie immer… 

 

Zeit (Anna Knapp)

Was ist schon Zeit? Man kann sie weder sehen noch anfassen, weder riechen noch schmecken. Und spüren? Ja, man kann spüren, wie die Zeit vergeht. Qualvolle Minuten, unendliche Schulstunden: das zum Beispiel.  

Zeit vergeht, das wissen wir alle. Die Uhr, die Sonne und die Jahreszeiten zeigen es uns. Frühling, Sommer, Herbst, Winter. Immer dasselbe. Und wenn die Zeit zurücklaufen würde? Würden die Menschen rückwärtsgehen, eine andere Sprache sprechen oder überhaupt existieren? 

 

Kurzgeschichte (Anna Kobler)

Tränenüberströmt nahm sie ihn in den Arm. Fast war sie verschwunden hinter dem struppigen Fell des Hundes. Ihres Hundes. Den Hund, den man verloren dachte, verschollen und vermisst. Doch sie gab nicht auf an ihn zu denken, für den Kleinen zu beten. Und zu hoffen, ihn und seine Knopfaugen bald wieder im Arm zu halten. So wie es das kleine Mädchen jetzt tat. Er schmiegte sich an sie und schon bald war ihr Pullover ein Meer aus Fell und Haar. 

Doch sie ließ ihn nicht los. Nicht jetzt, nicht morgen, niemals mehr. 

 

Traum (Sara Lamprecht und Maria Holzmann)

Ich sah einen blauen Hund mitten auf einer gelben Wiese mit roten Blumen. Er leckte seine verwundete Pfote. Ich erschrak, als ich sie bluten sah und sprang auf. Ich fing an zu rennen, kam aber nicht vom Fleck. Ich überlegte gequält, was ich zur Verpflegung der Wunde benutzen könnte. Aber was sollte mir das nützen, wenn ich mich ihm nicht nähern konnte? Ich konnte es nicht fassen, warum kam ich nicht weiter? Was hielt mich davon ab zu ihm zu gehen, ihm zu helfen? Ich konnte es nicht verstehen, fing an zu schreien, doch aus meinem Mund quollen nur rote Rosen voller Dornen. Es bereitete mir fürchterliche Schmerzen, und ich fragte mich, war es der gequälte Hund, der mir Schmerzen bereitete oder das Stechen der Dornen. Oder war es etwas ganz anderes, etwas, das hinter mir war, etwas, das ich übersah? Ich traute mich nicht, einen Blick nach hinten zu werfen, es war zu gefährlich. So gefährlich und doch so schmerzvoll vertraut, dass es mir den Atem raubte. 

 

Ein Kind und ein Hund (Maria Holzmann)

Dunkelheit, wohin ich sehe. Das ist Schwarz, die einzige Farbe, die ich kenne. Ich höre ein Hecheln und lächle leicht. Fühle, wie eine nasse Zunge mir über die Hände leckt. Wie von selbst wandern meine Hände hinter die Ohren meines Hundes. Er ist mein Freund, mein Helfer, mein Blindenhund. 

 

 

21.04.2020

Ein phantastischer Augenblick (Sarah Oberlechner)

Ich sah ein Straßenkind, das goldene Tränen weinte
Ich sah eine Pflanze wie eine Rose, aber mit Krallen statt Dornen, und sie schnappten nach mir
Ich sah einen Mann, eine Frau, ein Kind mit wandelndem Gesicht
Ich sah Aladin und seinen Teppich, auf dem ein blauer Löwe schlief
Ich sah Goethe wie er sich mit der Hydra duellierte
Ich sah den Romanhelden, der mir einen Stern vom Himmel pflückte
Ich sah eine Dame, ganz in Rosa, die ihren Regenschirm im Kinderwagen spazieren fuhr
Ich sah ein tanzendes Haus und ein pfeifendes und eines, das schluchzte
Ich sah einen Hund, transparent, mit blutroten Augen
Ich sah einen als Indianer verkleideten Bären, der Schlittschuh fuhr
Ich sah Fische, die auf Weihnachtsbäume kletterten
Ich sah Blumen Kuchen essen
Ich sah eine Frau mit meinem Gesicht, aber ohne Mund
Ich sah den Blauen Reiter und Kandinsky, der ihm hinterherlief
Ich sah ein Eichhörnchen, das auf den Wolken schwebte und zwischen den Gestirnen herumkletterte
Ich sah Beethoven und Jackson und Osbourne und Mozart beim Tango tanzen
Ich sah die Sphinx, die sich mit Einstein stritt
Ich sah Bücher, die sich selbst neu schrieben, weil ihnen das Ende nicht gefiel
Ich sah Kinder heißen Kakao essen und Kekse trinken
Ich sah Schnee im heißen Wüstensand und Kamele, die auf ihren Hirten ritten
Ich sah den Tod, der mit dem Leben tanzte
Ich sah einen alten Mann, der all das ebenfalls sah und der sagte:
„Das alles ist seltsam, aber wahr…“

 

Fehler (Anonym)

Es ist schon spät, schon nach zehn Uhr. Leah und ihr älterer Bruder Lukas sind auf dem Weg nach Hause, gehen durch dunkle Gassen und schlecht beleuchtete Straßen. Kein guter Ort für ein fünfzehnjähriges Mädchen. Lukas hat sie von der Geburtstagsparty ihrer besten Freundin Mia abgeholt und das gegen Leahs Willen. Früher wäre sie mit dem Bus nach Hause gefahren und genau das würde sie auch heute noch tun. Doch seit dem Ereignis darf Leah nur unter Begleitung raus. Eine klare Anweisung ihrer Eltern. Daran gibt es nichts, aber auch gar nichts, zu rütteln. Jedes einzelne Mal holen sie oder eben auch ihr Bruder sie von der Schule, vom Sport und auch von Partys ab. Als ob sie, Leah, jetzt, nach dem Vorfall, einen Aufpasser brauchen würde. Überflüssig, oder nicht? Leahs Eltern machen sich Sorgen, wollen nicht, dass ihre Tochter unter die falschen Leute gerät, nicht noch einmal. „Hättest du mal aufgepasst, auf wen du dich einlässt.“, ein blöder Spruch aus Lukas Mund, wie Leah ihn mittlerweile öfters zu hören bekommt. Spöttisch und verletzend, wie immer. Kann nicht wenigstens er die Klappe halten? Er, der keine Ahnung hat? Niemand kann es ungeschehen machen. „Ich hätte nie angefangen, du weißt doch, wie schnell man sich mit solchem Zeug verliert.“ Leahs Selbstbeherrschung beginnt zu bröckeln. Jede Faser ihres Körpers spannt sich an. Wenn der wüsste! „Also ich…“  Die Wut, die unfassbare Wut auf sich selbst, übermannt sie, lässt sie ausholen und zuschlagen. Die Ohrfeige hat gesessen. Ihr Bruder ist verstummt und blickt Leah verdutzt an. Das hat er wohl nicht erwartet. Die rote Färbung an Lukas Wange betrachtend, flüstert Leah nun in scharfem Ton: „Schluss jetzt! Ich weiß, es war ein Fehler!“

 


13.04.2020

Das Haus (Maria Holzmann)

Ich ging wieder dorthin. Nach so vielen, vielen Jahren. Das Haus war da, genauso wie damals. Grau. Klein. Unscheinbar. Ich nahm den Türknauf in die Hand, zögerte. “Will ich das wirklich?”, fragte ich mich. Meine Freundin würde es ganz bestimmt nicht verstehen, warum ich hierhergekommen war. Aber ich musste es tun. Ich musste und wollte mit meiner Vergangenheit abschließen.

Entschlossen schwang ich die Tür auf. Ein ekelhafter Gestank lag in der Luft, er schlug mir regelrecht entgegen, aber ich ignorierte ihn. Vorsichtig ging ich hinein, in das Haus. Im Gang entdeckte ich die Spuren von getrocknetem rotem Blut. Ihrem Blut. Ich ging weiter. Bis in den nächsten Raum. Der Gestank war nun atemberaubend und einfach nur abstoßend. Trotzdem betrat ich den Raum.

Das Schlafzimmer. Ich betrachtete die kahlen Wände, die immer noch so waren wie früher. Das dreckige Fenster, das immer noch so war wie früher. Dann fiel mein Blick auf die Matratze. Kahl lag sie auf dem Boden, mit einem Laken obendrauf. Das Laken war ebenfalls von rotem Blut durchtränkt. Altem Blut. Ihrem Blut. Ich wagte es nicht, das Laken zu bewegen, ihr Gesicht zu entblößen. Deshalb begrüßte ich sie einfach. So wie ich es schon tausende Male getan hatte. Früher. “Hallo, Mama.” Stumm lief mir eine Träne über die Wange. Salzig und doch süß, das wusste ich.

Ein Lachen ertönte von hinten, dann eine Stimme, die mich nachäffte: “Hallo, Mama…”. Dann … nur mehr Schmerz. Unsäglicher Schmerz. Ich stürzte zu Boden und schrie auf. Hinter mir war jemand, er kam näher. Schwach drehte ich meinen Kopf, schaute ihn an. Meine Augen weiteten sich, als er mich wieder nachäffte: “Hallo, Mama.”

 

Hast du mich vergessen? (Sara Lamprecht)

 Hast du mich vergessen?
Sag doch! Hast du mich vergessen?
Mein Lachen, meine Stimme, meine Tränen.
Das Gefühl gibst du mir seit einiger Zeit.
Vergessen zu sein.
Vergessen zu sein von diesem Menschen, den ich immer liebte, der für mich da war, der mein Leben formte.
Als du starbst, ich neben dir saß, versprachst du mir, mich niemals zu vergessen und mich von oben herab für immer zu beschützen.
Doch wo verbirgt sich dieser Schutz deinerseits?
Ich blicke in den Himmel hinauf, zu den Sternen, wo du bist und leuchtest, doch ich kann ihn nicht sehen, nicht spüren.
Aber ich brauche ihn, ich vermisse ihn.
Mein Hilferuf schreit zu dir, er schreit dich an:
Beschütze mich! Vergiss mich nicht, denn ich werde dich auch nie vergessen!
Deshalb frage ich dich nochmal:
Hast du mich vergessen?

Geburtstag, ein schöner Tag (Anonym)

Geburtstag. Ein schöner Tag. Normalerweise. Heute nicht. Der Kuchen, selbstgemacht von Tante Maria, verziert mit Streuseln und zahlreichen Marzipan- Herzen, schmeckt nicht. Sie weiß nicht, dass ich keine Himbeeren mag. Wir sind zu fünft, Maria, Opa, Mama, Papa und ich. Meine Kusine Lena durfte nicht kommen. Sie ist krank, sehr krank. Sie musste im Krankenhaus bleiben. Wir sitzen bei uns zu Hause, am Tisch im Wohnzimmer. Andere Geburtstage haben wir bei Oma gefeiert, haben gegrillt und viel gelacht. Jetzt geht das nicht mehr. Sie ist tot. Der Wind streicht durch die Bäume. Immer wieder klopfen Regentropfen ans Fenster. Wir spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Es macht keinen Spaß. Heute nicht.

 


07.04.2020

ER  (anonym)

Unsere Blicke treffen sich. Seine Augen sind eine Mischung aus strahlend blauem Himmel und stürmischem Ozean, aus Hell und Dunkel. Aus Gut und Böse? Sie verbergen etwas. Ich kann es spüren. Mein Bauchgefühl verrät es mir. Ein großes, düsteres Geheimnis? So, wie auch ich es in mir trage? Ist er auch so anders als alle anderen? Würde er mich verstehen? Das sind die Fragen, die ich mir jedes Mal stelle, wenn ich ihn sehe, die so wirr in meinem Kopf herumsausen und sogar in meinen Träumen Platz finden. Doch das schlimmste ist, dass er etwas weiß. Er weiß etwas über meine Vergangenheit, über mein Leben, über mich. Es scheint aber nicht so, als ob er es mit mir teilen möchte. Dabei hat er nicht mit meiner entsetzlichen Neugier gerechnet. Ich will es wissen, wissen, was hinter diesem verschmitzten Grinsen steckt. Früher oder später werde ich es herausfinden.  

 

Ein Sprung ins tiefe Wasser (Rebecca Landolfi)

Ein Sprung ins tiefe Wasser ist erschreckend und kann gefährlich sein. Er eröffnet aber auch neue Möglichkeiten. 

Denn wenn man nicht springt, hat man nur zwei Möglichkeiten: die zu springen oder eben nicht zu springen. 

Wenn man aber springt, hat man neue Möglichkeiten, etwa eine Runde zu schwimmen, sich einfach treiben zu lassen oder aber wieder herauszuklettern.  

Manchmal ist das Floß, von dem man gesprungen ist, aber nicht mehr da und es ist schwierig, wieder herauszukommen. Schwierig, aber nicht unmöglich, denn so tief und groß das Gewässer auch ist, es gibt immer ein Ufer. Es kann aber auch schief gehen und man ertrinkt. Dann war man immerhin mutig und hat es versucht. 

Wenn man aber nicht schwimmen kann und trotzdem springt, ist das nicht mutig, sondern dumm. Denn man weiß, es geht schief.  

Es kann aber auch sein, dass Menschen im Wasser sind, die einen retten und wenn nötig das Schwimmen beibringen.