Sozialwissenschaftliches Gymnasium

und Kunstgymnasium

Bruneck

Beiträge aus der Schreibwerkstatt

Aus dem Märchenwald

Schreiben

Vor dem Fall (anonym)

Die Erwartung erdrückt mich, ich kann nicht mehr atmen. Mit jeder neuen Note falle ich weiter in den Strudel, ertrinke in den erstaunten, enttäuschten Blicken. Meine Hände zittern, wenn sich mein Blick nur auf meinen Schreibtisch senkt, die Verzweiflung kommt hoch, ich muss würgen. Ich ersticke unter den Unterlagen, haufenweise Zahlen und Buchstaben, die immer weniger Sinn ergeben. Mir bricht der Schweiß aus, jedes Mal, wenn sich ein rot eingekreistes Kästchen des Kalenders nähert. Kalte Wellen überspülen mich, wenn ich an diesem Tag im Klassenzimmer sitze. Mein Stift ist wie ich, kalt und zittrig, jedes Mal, wenn ich ihn aufs Papier absetze. Wir beide rennen gegen die Zeit, wollen allen zeigen, wie toll und schlau wir sind. Aber es geht nicht. Nicht mehr. Ich kann nicht. Nicht mehr. Aber ich muss weiter. Denn wer bin ich, wenn ich nicht lerne. Wer bin ich, wenn ich keine guten Noten habe.


Extrablatt, Extrablatt! (Anna Kobler)

Schock im Märchenwald! Bis vor kurzem schien alles noch normal im “Rotkäppchen-Döner-and-Friends”- Imbiss. Doch dann! Bei einer Undercover Mission haben Mitglieder der pro-Wolf Organisation bemerkt, dass der allseits bekannte und geliebte Döner nicht wie versprochen aus zarten Geißleinfleisch bestand, sondern schockierenderweise aus den Überbleibseln von Wölfen.

Der Schock sitzt tief in den Angehörigen der verschwundenen Wölfe. Das Familienlokal hatte fünf Jahre zuvor ein Gelübde abgelegt, um die immer kleiner werdende Population der Raubtiere in Schutz zu nehmen. Wie es scheint, kann niemandem mehr vertraut werden im Märchenwald. Wer weiß, vielleicht entpuppt sich der Prinz von nebenan als Frosch… Wir halten euch auf dem Laufenden.


Skandal unter roter Haube (Maria Holzmann)

Gestern um fünf Uhr abends wurden allen die Augen geöffnet. Auf unvorhersehbare, grausame Weise. Rotkäppchen, ein scheinbar unschuldiges und nettes Mädchen, wurde beim neu eingeführten Zoll mit Drogen erwischt. Knapp einen halben Kilo Marihuana versteckte es im Korb. Kurz darauf wurde auch das Haus ihrer Großmutter durchsucht. Die Polizisten staunten nicht schlecht: Der Weinkeller glich einer Apotheke, vollgestopft mit allen möglichen illegalen Substanzen.

Herr Wolf, der schon länger in diesem Fall ermittelt, erklärt: “Ich und mein Rudel hatten diese Bande schon länger im Visier. Wuff. Der Zoll ist einem meiner Kollegen eingefallen. Wuff. Ich bin froh, dass wir sie nun erwischt haben. Wuff.”

Insgesamt zählen zur erwähnten Bande die vorbestrafte Großmutter, die Dorfhure und ein uneheliches Kind. Sie werden vorerst alle im Frauenverlies des Schlosses inhaftiert, bis ein Gerichtstermin steht. Experten vermuten eine Haftstrafe von knapp 10 Jahren.


Die verwunschene Tochter (Anna Kobler)

Ich fühlte nichts. Leer und kalt war mein Körper, mein Geist. Wie benebelt saß ich dort im Schatten der alten Weide. Ihre herabhängenden Blätter streichelten zart mein Gesicht. Was hatten die Dorfbewohner leise getuschelt? Sie glaubten, ich konnte sie nicht hören, doch sie lagen falsch. Jede einzelne Silbe war klar und verständlich. Vielleicht wollten sie sogar, dass ich es hörte. Aber warum? Warum sprachen sie empört davon, dass ich an dem Unglück meiner Brüder schuld war. Wie konnten sie mir nur eine solche Anschuldigung unterstellen. Ich hatte doch keine Brüder! Ich schloss meine Augen und wollte mich wieder meiner Lieblingsbeschäftigung an einem hellen Tag wie heute widmen. Das grüne Gras kitzelte meine Ohren. Die warmen Sonnenstrahlen umspielten mein Gesicht, da fiel mir plötzlich jeder Atemzug so schwer. Ich konnte mein Herz schlagen hören. Immer schneller und schneller. Als würde es gleich aus mir springen und weglaufen. Erinnerungen, lebhafter wie noch nie zuvor kamen in mir auf, die mir fremd und dennoch so wohlbekannt vorkamen.

Joachim. Klaus. Hans. Sie alle tanzten um mich. Lachten mit mir tagsüber und behüteten meinen Schlaf nachts. Meine Brüder! Warum waren ihre zarten Gesichtszüge mir doch entfallen? Warum fühlte sich meine Seele an, als ob sie in tausend Stücke zerbersten würde, wenn ich mich an ihren Duft, ihr Lachen erinnern wollte? Wie konnte ich sie nur vergessen!

Mein ganzes Leben lang lebte ich in einer Illusion. Einen Traum. Meine ach so heile Welt fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Ich war an dem Elend meiner Brüder schuld und nur ich allein! Jetzt wurde mir alles klar. Es ekelte mich, mein Gesicht im Wasser zu betrachten. Ich konnte in dieser Schuld nicht weiterleben. Es fühlte sich an, als ob ich wie eine Zecke meinen sieben unschuldigen Brüdern ihr Glück genommen hatte. Und nur weil ich geboren war. Weil sie das Wasser, mit dem ich gesegnet werden sollte, verschüttet hatten. Wenn ich nicht gewesen wäre, hätten sie das Wasser nicht holen müssen und somit auch nicht den Konsequenzen trotzen gemusst. Heiß tropften dicke Tränen an meinen rosaroten Wangen in das frische Gras.

Die Sonne stieg weiter und ich blieb liegen. Ich konnte mich nicht bewegen, wollte nicht weiter Unheil verbreiten. Da packte mich ein Entschluss. Bevor mich die Dunkelheit verschlingen konnte, musste ich zurechtrücken, was ich einst mit meiner Existenz zerstört hatte…


Ein modernes Schneewittchen (Maria Holzmann)

“Ugh… Warum tut mein Kopf so weh? Und wo bin ich überha- Ah, ich bin schon wieder auf den Hausaufgaben eingeschlafen. Ich muss das wirklich in den Griff kriegen… Wie spät ist es? Schon sechs Uhr? Ich muss mich beeilen, heute habe ich viel vor. Nochmal alles durchgehen: Der Valentinsapfelclub um 6:30 Uhr bis Schulbeginn, natürlich Schule, dann das Prinzessinnentreffen zur Therapie von Entführungen, Bedrohungen, Scheintoden und Sonstiges, danach muss ich schnell nach Hause Hausaufgaben erledigen, bis die sieben Racker kommen. Hoffentlich versuchen sie diesmal nicht wieder das Haus abzubauen. Ich glaube, ich muss nur drei bis vier Stunden auf die Buben aufpassen, dann habe ich später noch Zeit für meinen Prinzen. Okay, das geht ja noch. Hab ich alles? Na, dann los, ich darf nicht zu spät kommen! Wenn das nochmal passiert, hat Madame mir gedroht, schiebt sie mir einen vergifteten Apfel unter die Nase!”